Welchen Einfluss hat die Gesellschaft in der ich aufwuchs für mich?
In den vergangenen Monaten hatte ich, mit Abständen, das Buch von Udo Baer „DDR – Erbe in der Seele“ gelesen. Dabei fiel mir auf, dass mich/uns die DDR Gesellschaft mehr prägte, als ich dachte. Im Rahmen meiner Ausbildung hatte ich viele Selbstreflexionen und ich suchte viele Dinge bei mir selber und zu manchen Gedanken/ Empfindungen/ Gefühlen fand ich einfach keinen Zugang bzw. fiel es mir auch schwer, dazu zustehen, mit dem Hintergedanken: „Ist das falsch?“. Da ich jemand bin, der Sachen auf den Grund geht und es genau wissen will (dazu stehe ich jetzt), frustrierte mich das. Nachdem ich das Buch anfing zu lesen, gab es so einige Aha-Momente, die mir in der Ausbildung fehlten. Die Gesellschaft prägte ja nicht nur mich, sondern auch meine Eltern und damit auch meine Erziehung, meine Mitmenschen, mein Umfeld.
Nur einige Gedanken aus diesem Buch
… äußere Grenzen führen zu inneren Grenzen
… Tabus erstrecken sich über Generationen (gilt nicht nur für eine Gesellschaft)
… Gefühle, wie u.a. Trauer nicht zeigen
… Scheinwelten, führen zu Entwürdigung und damit zu einem verminderten Selbstwertgefühl und Selbstachtung
… autoritäre und gemeinschaftliche Erziehung (Kollektivismus)
… Leistungsdruck, durch (Über-)Erfüllung der sozialistischen Norm
Gefühle wurden nicht gezeigt, darüber wurde nicht geredet. Gefühle, ein Punkt der mich immer wieder beschäftigte. Es fiel/fällt mit schwer Gefühle zu zeigen, wobei das geht noch, aber Gefühle zu leben, dass ist sogar nicht mein Ding. Das geht aber nicht nur ehemaligen DDR Bürgern so, sondern entspricht auch bestimmten Persönlichkeiten. Für mich war das nochmal ein Aha-Effekt, wieso ich nicht an meine bzw. bestimmte Gefühle ran komme. In diesem Sinne prägte mich/uns die Gesellschaft mehr, als ich es gedacht hätte. Zusätzlich lernte ich die Spannungen durch die empfundenen Gegensätze in mir erkennen, kennen und akzeptieren. Das hieß unter anderem Grenzen zu akzeptieren (was blieb uns zu DDR Zeiten anders übrig), die Möglichkeit zu nutzen meine Grenzen zu erweitern und dann auch zu lernen Grenzen abzustecken. Das bedeutete auch, dass ich lernen musste meine Individualität und in Gemeinschaft zu leben. Ganz lange war es für mich selbstverständlich, hauptsächlich für andere dazu sein und ich hatte ein schlechtes Gewissen, Zeiten einzubauen, um auch für mich dazu sein. Jahrzehntelang erkannte ich Autoritäten fast vorbehaltlos an. Sie sind älter, sie wissen mehr …. und ich war der Meinung, dass ich nichts zu sagen habe oder ich zu naiv bin… und irgendwann lernte ich, dass auch ich mich selbstbewusst einbringen kann, darf und soll. Das bedeutete auch, dass ich meine Arbeit nach Besten Wissen und Gewissen machen kann, aber auch meine Art und Weise in der Arbeit wichtig ist. Es heißt für mich, immer wieder abzuwägen, wann was dran ist und manchmal über gewisse Wegstrecken auch Spannungen auszuhalten, weil irgendetwas überwiegt. Vielleicht entdeckt sich der eine oder andere wieder, obwohl er nicht in der DDR gelebt hat, bedingt durch seine Erziehung, seine Umwelt…
Ich möchte noch auf etwas anderes hinaus, das Anders sein in in einer Gesellschaft, in der alles genormt, alles gleich sein, alles gemeinschaftlich laufen sollte. Mein Anders sein ergab sich daraus, dass meine Eltern, bewusst als Christen lebten, wir keiner Partei angehörten und wir Kinder keine Pionier/FDJler waren. Ich war die erste Schülerin an meiner 2. Schule, die kein Pionier war. Es war eine Herausforderung für mich als Kind. Für mich war es selbstverständlich, aber gelitten hatte ich schon. Es ging nicht ohne Mobbing. Viel geredet wurde nicht wirklich darüber (s.oben unter Gefühle) der Körper hat gelitten.
Was zählte für mich in dieser Zeit:
Mein Glaube – ein Glaube der trägt, der begleitet, der mich nie allein lässt, auch wenn ich mich so manches Mal allein gefühlt hatte. So hat mich u.a. die Verse aus Johannes 10 begleitet:“Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Was mir mein Vater gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann es aus des Vaters Hand reißen.“
Wie erging es Dir mit Deinem Umfeld? Was prägte die Erziehung Deiner Eltern mit?
